Sommerakademie 2019

„Ankunft als Motiv in der deutschsprachigen Literatur“

  

Einleitung

Als literarischer Topos ebenso wie als kulturelles Phänomen ist die Ankunft ein außerordentlich facettenreiches Thema. Auffallend viele Texte beginnen etwa mit der Schilderung der Ankunft eines Reisenden – man denke beispielsweise an die titelgebende Ankunft K.s im ersten Kapitel („Ankunft“) von Kafkas bekanntem Roman Das Schloß oder an die Ankunft von Rilkes Romanheld Malte Laurids Brigge in Paris. Sie markiert einerseits den (zumindest vorläufigen) Endpunkt einer Reise oder Anreise und ist gleichzeitig der Beginn eines neuen Abschnitts, einer neuen Geschichte oder einer neuen Episode. Die Ankunft ist in diesem Sinne Ende und Anfang zugleich: ein in jeder Hinsicht spannungsreiches Thema für die diesjährige Sommerakademie.

 

Wie in den letzten Jahren basiert die Sommerakademie des Literaturhauses | Deutsche Bibliothek Den Haag auf der gleichnamigen literatur- wie kulturwissenschaftlichen Diskussionsreihe des Abendkurses 2019 der Vereniging van Germanisten aan de Nederlandse Universiteiten (VGNU) aus Utrecht. 

 

Übersicht

  • 19. Juni, 19.30 Uhr: Rahel Ziethen "Thomas Mann: Der Tod in Venedig"
  • 26. Juni, 19.30 Uhr: Achim Küpper "Kafkas erste Sätze und die Wiederkehr des Fremden: Szenarien der Ankunft in Geschichte und Gegenwart"
  • 03. Juli, 19.30 Uhr: Hub Nijssen/Monika Bergmann "Ankommen ohne Wegzugehen. Raissa Kopelev: Die Türen öffnen sich langsam. Raissa Orlowa/Lew Kopelew: Wir lebten in Köln."

 

Eintritt: 8 Euro, ganze Reihe 22 Euro

 

19. Juni, 19.30 Uhr: Rahel Ziethen "Thomas Mann: Der Tod in Venedig"

Venedig: Wohl kaum eine andere Stadt der Welt hat so viele Träume, Sehnsüchte, Fantasien hervorgebracht wie Venedig. La Serenissima („Die Durchlauchtigste“), so ihr Beiname, ist die Stadt der Künstler, des Karnevals, der Freiheit, aber auch die Stadt sündiger Ausschweifungen. Bereits zu ihrer kulturellen Glanzzeit, Mitte des 18. Jahrhunderts, trug sich Venedig mit der Ahnung ihres Verfalls. Nicht zufällig also lässt Thomas Mann den Protagonisten seiner Novelle, Gustav Aschenbach, erfolgreicher Schriftsteller und schöngeistiger Dekadent, über Umwege ausgerechnet nach Venedig reisen. Nicht von ungefähr auch kommt Aschenbach erst im dritten der fünf Kapitel in der Lagunenstadt an. In dem Kapitel also, in dem der klassischen Dramentheorie nach, der Niedergang des tragischen Helden besiegelt ist. Obwohl Aschenbach mehrere, durch verschiedene Umstände aber scheiternde Versuche unternimmt, Venedig und seine morbide Atmosphäre wieder zu verlassen, gibt er sich schließlich seinem Schicksal hin. Dieses Schicksal besteht konkret in der homoerotischen Zuneigung zu dem bildhübschen 14jährigen Knaben Tadzio und dem Ausbruch der Cholera.

 

Der übermächtigen Wirkkraft von berauschender Schönheit und Tod (so Manns eigene Interpretation beider Motive) vermag Aschenbach in seiner feinnervigen Konstitution allerdings nicht standzuhalten: Er stirbt, Tadzio beim Baden zuschauend, in seinem Strandstuhl am Lido. Nicht die Quelle wiederzuerlangender Lebenskräfte ist die Ankunft Gustav Aschenbachs in Venedig also, sondern - der Dramaturgie des klassischen Dramas folgend - der Beginn seines Untergangs. Moralisch betrachtet jedenfalls, vor allem aus zeitgenössischer Perspektive: Kaum ein Leser bzw. Interpret der Gegenwart nämlich, der nicht die pädophilen Neigungen Aschenbachs kommentiert und diese, bestenfalls, im Kontext der Literatur zu rechtfertigen versucht. "Dichtertum", bestätigt Mann, "ist die lebensmögliche Form der Inkorrektheit." Der Vortrag fragt danach, ob derartige Formen dichterischer Inkorrektheit nicht auch heute noch eine existentielle Funktion erfüllen.

 

Ausgabe: Mann, Thomas: Tod in Venedig. Fischer Taschenbuchverlag: Frankfurt a.M., 1992.

26. Juni, 19.30 Uhr: Achim Küpper "Kafkas erste Sätze und die Wiederkehr des Fremden: Szenarien der Ankunft in Geschichte und Gegenwart"

Der Beitrag geht zunächst von einer detaillierten Lektüre der ersten Sätze Kafkas aus: Sie reicht von seinen frühesten Tagebuchnotizen (1910) bis zum Roman Das Schloß (1926) mit seinem ersten Kapitel „Ankunft“. Von dort folgt die Untersuchung einerseits den Spuren literaturhistorischer wie anderer kulturgeschichtlicher Ankunftsszenarien, die mitunter auch in Kafkas Schreiben eine hintergründige Rolle spielen: so des frühen Kurzfilms der Brüder Lumière über die Ankunft eines Zugs (Arrivée d’un train en gare à La Ciotat, 1895). Andererseits wird die Geschichte der Ankunft als buchstäblicher Heimsuchung und Wiederkehr des Fremden zugleich bis in die jüngste Gegenwart hineinverfolgt: bis zum Rätsel der Ankunft etwa im Kontext globaler Migrationen als Ankünfte in einer vielfach fremden Welt, zum heutigen Nachhall einer Medien- und Literaturgeschichte des verkehrstechnichen Unfalls, des Aufschubs, der verzögerten oder verunglückten Ankunft, schließlich auch bis zur Wiederaufnahme der ersten Sätze Kafkas im Schreiben eines Gegenwartsautors wie Christoph Ransmayr, um nur einige Beispiele zu nennen.

 

03. Juli, 19.30 Uhr: Hub Nijssen / Monika Bergmann "Ankommen ohne Wegzugehen. Raissa Kopelev: Die Türen öffnen sich langsam. Raissa Orlowa/Lew Kopelew: Wir lebten in Köln."

Raissa Orlowa-Kopelew war die zweite Frau des bekannten russischen Bürgerrechtlers und Literaturhistorikers Lew Kopelew. Sie arbeitete ab Anfang der 1960er Jahre als freie Schriftstellerin und Literaturkritikerin in Moskau. Seit dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in der CSSR engagierte sich das Paar zunehmend in der sowjetischen Bürgerrechtsbewegung, Ihr Haus wurde Anlaufpunkt für Dissidenten und ausländische Korrespondenten wie Fritz Pleitgen und Klaus Bednarz. 1980 schloss man sie aus dem sowjetischen Schriftstellerverband aus. Ein Jahr später wurden sie ausgebürgert, und ihnen wurde die Staatsbürgerschaft entzogen. Zu der Zeit waren sie seit vier Monaten in Westdeutschland. Ihre Freunde Heinrich Böll und Gräfin Dönhoff unter anderem hatten sie eingeladen. Eine Rückkehr in ihre Heimat war damit ausgeschlossen.


Doch wie kommt man an, in einer Welt, deren Sprache man nicht spricht, deren Alltagsrituale man nicht kennt? Raissa Orlowa-Kopelew beschreibt in ihrem Buch “Die Türen öffnen sich langsam” ihren mühsamen Weg, sich in der deutschen Gesellschaft zurechtzufinden. Ihre Reflexionen helfen nicht nur ihr die fremde Umgebung zu verstehen und anzukommen, sondern machen auch uns unsere deutschen Eigenheiten bewusst. Mit ihren vergleichenden Beobachtungen im Westen öffnet sie gleichzeitig für uns eine Tür nach Russland.

 

Nach Raissas Tod stellte Lew Kopelew eine Auswahl aus beiden Tagebüchern und dem Briefwechsel mit unzähligen Freunden zusammen. Er bündelte die Texte im Buch “Wir lebten in Köln”. Seine Art des Ankommens in der Fremde unterscheidet sich sehr von der seiner Frau. Scheinbar helfen ihm seine sprachlichen und literaturhistorischen Kenntnisse sich schneller in der deutschen Gesellschaft zurechtzufinden. Doch Ankommen ist mehr als theoretisches Wissen über die fremde Kultur und die Sprache der neuen Welt.


Am Ende stellt sich die Frage, ob Ankunft überhaupt möglich ist oder ein Konjunktiv bleiben musss.


Ausgaben:
Raissa Orlowa-Kopelew: Die Türen öffnen sich langsam. Albrecht Knaus Verlag, Hamburg 1984
Raissa Orlowa/Lew Kopelew: Wir lebten in Köln. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1996