Sommerakademie 2019

„Ankunft als Motiv in der deutschsprachigen Literatur“

  

Einleitung

Als literarischer Topos ebenso wie als kulturelles Phänomen ist die Ankunft ein außerordentlich facettenreiches Thema. Auffallend viele Texte beginnen etwa mit der Schilderung der Ankunft eines Reisenden – man denke beispielsweise an die titelgebende Ankunft K.s im ersten Kapitel („Ankunft“) von Kafkas bekanntem Roman Das Schloß oder an die Ankunft von Rilkes Romanheld Malte Laurids Brigge in Paris. Sie markiert einerseits den (zumindest vorläufigen) Endpunkt einer Reise oder Anreise und ist gleichzeitig der Beginn eines neuen Abschnitts, einer neuen Geschichte oder einer neuen Episode. Die Ankunft ist in diesem Sinne Ende und Anfang zugleich: ein in jeder Hinsicht spannungsreiches Thema für die diesjährige Sommerakademie.

 

Wie in den letzten Jahren basiert die Sommerakademie des Literaturhauses | Deutsche Bibliothek Den Haag auf der gleichnamigen literatur- wie kulturwissenschaftlichen Diskussionsreihe des Abendkurses 2019 der Vereniging van Germanisten aan de Nederlandse Universiteiten (VGNU) aus Utrecht. 

 

Übersicht

  • 03. Juli, 19.30 Uhr: Hub Nijssen/Monika Bergmann "Ankommen ohne Wegzugehen. Raissa Kopelev: Die Türen öffnen sich langsam. Raissa Orlowa/Lew Kopelew: Wir lebten in Köln."

 

Eintritt: 8 Euro

 

Die Vorträge von Rahel Ziethen "Thomas Mann: Der Tod in Venedig" und von Achim Küpper "Kafkas erste Sätze und die Wiederkehr des Fremden: Szenarien der Ankunft in Geschichte und Gegenwart" müssen leider entfallen.

 

03. Juli, 19.30 Uhr: Hub Nijssen / Monika Bergmann "Ankommen ohne Wegzugehen. Raissa Kopelev: Die Türen öffnen sich langsam. Raissa Orlowa/Lew Kopelew: Wir lebten in Köln."

 

Raissa Orlowa-Kopelew war die zweite Frau des bekannten russischen Bürgerrechtlers und Literaturhistorikers Lew Kopelew. Sie arbeitete ab Anfang der 1960er Jahre als freie Schriftstellerin und Literaturkritikerin in Moskau. Seit dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in der CSSR engagierte sich das Paar zunehmend in der sowjetischen Bürgerrechtsbewegung, Ihr Haus wurde Anlaufpunkt für Dissidenten und ausländische Korrespondenten wie Fritz Pleitgen und Klaus Bednarz. 1980 schloss man sie aus dem sowjetischen Schriftstellerverband aus. Ein Jahr später wurden sie ausgebürgert, und ihnen wurde die Staatsbürgerschaft entzogen. Zu der Zeit waren sie seit vier Monaten in Westdeutschland. Ihre Freunde Heinrich Böll und Gräfin Dönhoff unter anderem hatten sie eingeladen. Eine Rückkehr in ihre Heimat war damit ausgeschlossen.


Doch wie kommt man an, in einer Welt, deren Sprache man nicht spricht, deren Alltagsrituale man nicht kennt? Raissa Orlowa-Kopelew beschreibt in ihrem Buch “Die Türen öffnen sich langsam” ihren mühsamen Weg, sich in der deutschen Gesellschaft zurechtzufinden. Ihre Reflexionen helfen nicht nur ihr die fremde Umgebung zu verstehen und anzukommen, sondern machen auch uns unsere deutschen Eigenheiten bewusst. Mit ihren vergleichenden Beobachtungen im Westen öffnet sie gleichzeitig für uns eine Tür nach Russland.

 

Nach Raissas Tod stellte Lew Kopelew eine Auswahl aus beiden Tagebüchern und dem Briefwechsel mit unzähligen Freunden zusammen. Er bündelte die Texte im Buch “Wir lebten in Köln”. Seine Art des Ankommens in der Fremde unterscheidet sich sehr von der seiner Frau. Scheinbar helfen ihm seine sprachlichen und literaturhistorischen Kenntnisse sich schneller in der deutschen Gesellschaft zurechtzufinden. Doch Ankommen ist mehr als theoretisches Wissen über die fremde Kultur und die Sprache der neuen Welt.


Am Ende stellt sich die Frage, ob Ankunft überhaupt möglich ist oder ein Konjunktiv bleiben muss.


Ausgaben:
Raissa Orlowa-Kopelew: Die Türen öffnen sich langsam. Albrecht Knaus Verlag, Hamburg 1984
Raissa Orlowa/Lew Kopelew: Wir lebten in Köln. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1996