„Erinnerungen an Paul Celan“

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In dem neuen Format „Literaturhaus.Salon“ trafen sich am 19. Februar die namhaften Celan-Forscher Barbara Wiedemann, Petro Rychlo, Paul Sars und Joachim Seng virtuell zu einer lebhaften Diskussion über den größten deutschsprachigen Dichter des 20. Jahrhunderts.

 

Ausgehend von dem Buch Petro Rychlos: „Mit den Augen von Zeitgenossen. Erinnerungen an Paul Celan“ wurden mehrere wesentliche Aspekte des Lebens und Werks dieses bedeutenden Dichters beleuchtet.

 

Im Mittelpunkt der Gespräche standen biographische Aspekte, unter anderem die Vielsprachigkeit Celans und die damit verbundene Frage, in welcher Sprache er denn dichten solle sowie sein tragisches Schicksal als Jude, der nur mit knapper Not dem Holocaust entkommen war.

 

Paul Celan, 1920 in Czernowitz geboren als Sohn deutschsprachiger Juden, sprach im Elternhaus reines Hochdeutsch, daneben außer Jiddisch - von den Eltern als ‚Jargon‘ eher abgelehnt - Rumänisch, Französisch, Englisch, Ukrainisch und später auch Russisch und lebte aufgrund der jeweiligen politischen Situation insgesamt in vier verschiedenen Städten, die zu Stationen seines Lebens wurden. Kindheit und Jugend in Czernowitz, Bukowina (heute Ukraine), Studium der Romanistik in Bukarest, im November 1947 Flucht vor dem Stalinismus nach Wien in ein ‚deutschsprachiges Nichtdeutschland‘ (Wiedemann), was sich allerdings als Enttäuschung entpuppte, so dass Celan 1948 schließlich nach Paris weiterflüchtete, wo er bis zu seinem tragischen Tod 1970 wohnen bleiben sollte.

 

Trotz der bitteren Erfahrungen mit dem Holocaust hat Celan jedoch immer an der deutschen Sprache festgehalten: „Mein Schicksal ist es, Gedichte auf Deutsch schreiben zu müssen“ (1947), in der Sprache der Mörder seiner Eltern. Schon als kleines Kind war er literarisch sozialisiert worden durch die Mutter, die ihn Balladen und Gedichte von Schiller und Heine gelehrt hatte. Die deutsche Sprache wurde, gerade auch in der Fremde, für ihn zu einem Stück Heimat. Wann immer er sie hörte, suchte er sie und begann mit den Menschen ein Gespräch. Es wurde angemerkt, dass auch seine Geliebten alle deutschsprachig waren.

 

Celans große Sprachenkenntnis fand ihren Niederschlag auch in einer reichen Tätigkeit als Übersetzer.

 

Auch die Frage, weshalb Celan seinen ursprünglichen Namen ‚Antschel‘ über ‚Ancel‘ in ‚Celan‘ umbenannt hatte, übrigens ein häufig vorkommender Name, wurde lebhaft diskutiert, denn es waren mit ihr mehrere Legenden verbunden, die glaubwürdigste ist die von Jessica Margul-Sperber, die ihn zu diesem Anagramm geraten habe.

Aber vielleicht könnte man sogar sagen, dass genauso wie sein Leben durch die Shoa auf den Kopf gestellt worden war, dann Celan seinen Namen auf den Kopf gestellt habe: sein Name zeigt seine Lebensgeschichte!

 

Die Gründe dafür, weswegen dieser hochbegabte, hochsensible Mensch letztendlich psychisch erkrankte und 1970 mit noch nicht einmal fünfzig Jahren aus dem Leben schied, dürfte eine Kombination verschiedener Faktoren gewesen sein: abgesehen von den unberechtigten Plagiatsvorwürfen, mit denen Celan in Paris konfrontiert worden war und die ihn auf Dauer zermürbt haben (sie konnten leider erst nach seinem Tode endgültig widerlegt werden), war es der Antisemitismus, auf den er immer wieder in den fünfziger und sechziger Jahren stieß sowie die traumatischen Erfahrungen der Shoa in seiner Jugend.

 

Am Ende kam auch Celans bekanntestes Gedicht, die „Todesfuge“, zur Sprache und damit die Frage, ob Celan es wirklich ‚zurückgenommen‘ habe. Es wurde betont, dass Celan niemals Gedichte zurückgenommen hatte, aber dass er den falschen Umgang mit diesem Gedicht abgelehnt hatte, was mit einem Widerspruch zwischen der Aussage und der Ästhetik dieses Gedichts zu tun hatte, denn: wie könne es überhaupt bei diesem Thema ein ‚schönes‘ Gedicht sein?

 

Zum Abschluss trug die in Den Haag lebende kanadische Dichterin Eleonore Schönmaier zwei Gedichte aus ihrem eigenen Werk als Hommage an Paul Celan vor.

 

Sabine Wolff


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